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Text von Bernhard Klein für die "Aspekte"-Fernsehsendung des 2. Deutschen Fernsehens am 6. Mai 1966 (Regie: Dr. Nino Erné)

Ich hatte bereits eine impressionistische Schule und Ausstellung in starkfarbiger expressionistischer Form hinter mir, als ich mit Ende des ersten Weltkrieges Mitglied der 1918/19 gegründeten "Berliner Novembergruppe" wurde, die der erste große Zusammenschluß der an den neuen nachexpressionistischen Ideen interessierten bildenden Künstler war. Auch Architekten, Schriftsteller und Musiker gehörten ihr an. Diese heute historisch berühmte "Novembergruppe" war ein Fest der Befreiung von dem Anspruch der kaiserlichen Akademie, zu bestimmen, was als Kunst angesehen werden soll. Das Statut der Novembergruppe schloß mit dem Passus: "Die Novembergruppe muß für alle neuen Versuche zugänglich sein."

Dieser Satz wurde für meinen weiteren künstlerischen Weg von entscheidender Bedeutung, ich empfand ihn geradezu als Verpflichtung. Es war die Unruhe der damaligen expressionistisch-abstrakten Kunstformen und die Unkontrollierbarkeit der sie umrankenden Literatur, die mich anregte, unbekümmert die uneingeschränkte Freiheit der künstlerischen Entscheidung vorauszusetzen, alle bisherigen programmatischen Ismen beiseite zu schieben und nach einer neuen ruhevollen, unmißverständlichen Klarheit und Einfachheit zu suchen, vielleicht das eigene Fundament zu finden.

Auf dieses Beiseiteschieben aller Ismen reagierten Angehörige der jungen Generation bei Unterhaltungen über die 20er Jahre zuweilen mit dem Erschrecken wie vor einer noch das Heute bedrohenden unerlaubten Kühnheit. Das ist verständlich: Im krassen Gegensatz zu den 20er Jahren fließt heute ein nie dagewesener Segen an Stipendien und Kunstpreisen den jungen Künstlern zu, aber es wird auch mehr als je von geldmächtigen Institutionen bestimmt, was als Kunst angesehen werden soll. Wo dies zum Glaubenszwang wird, kann das freiheitliche Geister vergrämen.

Die Freiheit der entscheidenden 20er Jahre beruhte (in Deutschland), ganz anders, auf der seltsamen Unabhängigkeit vom Geld infolge dessen Wertlosigkeit durch die laufende Inflationsentwertung bis zum Billionen-Nullpunkt. Diese größte Freiheit, die Unabhängigkeit von Geld, führte, umgeben von Not, Elend und schwerster Korruption, zu dieser kostbaren Erkenntnis: "Für den Verantwortungsbewußten ist größte Freiheit höchster Zwang" (Alois Essigmann). Diese Armutsfreiheit der 20er Jahre war eine der Grundlagen für die unvergleichliche geistige Produktion dieser Jahre. Diese Freiheit kam nicht wieder.-

Durch ruhigere Linienführung und flächigeren Farbauftrag führten meine Versuche von einer anfangs kühlen, strengen Feierlichkeit, nach Einbeziehung der menschlichen Wärme und malerisch atmosphärischer Werte in eine dichterisch gesehene Welt reizvoller Naivität, die ganz unbewußt war, wie Dr. René Hacke in Rom kürzlich dazu schrieb: "... in eine poetisch verzauberte Wirklichkeit, bis zur traumhaften Unwirklichkeit, eine glückhafte Übereinstimmung mit der Welt vermittelnd." —

Die 20er Jahre hatten ja nur 1924/28 fünf bescheiden gute Jahre, Anfang und Ende waren von katastrophaler Armut. Uns hat nie jemand etwas gegeben.

Viele Mitglieder der Novembergruppe waren vom Nazi-Regime lebensbedrohend blockiert, und diese Blockierung blieb auch nach 1945.

1918 verloren wir einen Krieg und gewannen die Freiheit. 1945 verloren wir einen Krieg und verloren die Freiheit und wurden besetztes Land. Es waren sogleich eine Menge Avantgardisten da, die dem hilfsbereiten Sieger auch in seiner Kunst nachfolgten, und damit rückwärts in unsere eigene selbst überlebte Vergangenheit. — Was als "Die moderne Kunst" nach 1945, ehemals von Europa ausgegangen, als eine Rückwelle von Übersee zu uns zurückkehrte, nachdem Amerika daraus ein imponierendes Riesen-Brillant-Feuerwerk der abstrakten Malerei veranstaltete, nahm seinen Anschluß nicht bei etwa 1930, sondern bei den expressionistisch-abstrakten Grundlagen der Jahre vor dem ersten Weltkrieg. Die Auswirkung der 20er Jahre müßte, wenn überhaupt, noch erst kommen.

Was man an Form gewinnt, verliert man an Aussage. Das Extrem an Form führt ins Kunstgewerbe, das Extrem an Aussage in die Reportage. Das war schon in der Novembergruppe eine Binsenweisheit, und die letzten 20 Jahre haben das dauernd bestätigt. Es ist Aufgabe des künstlerischen Empfindens, diese Synthese richtig abzuwägen. Ich bin der Meinung, daß wir in der bildenden Kunst in der Zukunft zu einer — Neuen Beseelung — kommen müssen, auf Grund einer nachmodernen undogmatischen Freiheit.

Das arg mißbrauchte Zeitwort "modern" ist, als Prädikat für die schnellwechselnden Moden der Gegenwartskunst richtig, als künstlerischer Wertbegriff aber falsch angewandt.

Ich möchte lieber zeitlos sein als modern.

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